OG Keemo - Geist

Artwork Geist LP

Schlichtweg umgehauen hat mich diese Platte - und sie tut es immer noch - lässt mich seit Ewigkeiten nicht mehr los! Die Flows, Sounds und Lyrics auf Geist sind ungemein langlebig.

Geist ist das erste Album des Mainzer Rappers, welches 2019 durch Chimperator veröffentlicht wurde. Es erfuhr seitdem durchgängiges Lob: „Es ist das Album des Jahres, Fakt.“, lese ich in der Juice. Ich schließe mich diesem Statement aus der Folge von etlichen Replays ohne Frage an.

 

Durch jeden Track erfährt man die unterschiedlichsten Eindrücke aus OG Keemo‘s Leben. Er rappt mit einer ausgesprochenen Geläufigkeit. Seine dunkle Stimme hat etwas sehr Kraftvolles und Entschlossenes, weshalb seine Texte eindrücklich und bestimmt ankommen. Jede Geschichte oder Botschaft wird mithilfe einer perfekt passenden Soundkulisse unterstrichen. Durch die Übereinstimmung von Sound und Text wird man somit blitzartig in OG Keemo‘s Welt hineingezogen.

 

Das instrumental-Intro „Nebel” ist der Inbegriff OG Keemo‘s Geschicks, innerhalb von wenigen Strophen seine persönlichen Hintergründe den Höherer*innen so bildhaft wie möglich zu vermitteln: Er spult dabei Szenen seiner Kindheit und Jugend schnell aufeinanderfolgend ab, als würde er, wie in einem hektischen Traum, von einem Moment zum nächsten aufwachen. Er spricht alle wesentlichen Eckpunkte seiner Probleme an und handelt diese von seiner Geburt beginnend bis zu seinem 16. Lebensjahr ab. Er schafft es, dass man sowohl musikalisch als auch bildlich an seiner Geschichte lebhaft teilnehmen kann und gleich zu Beginn des Albums mit dem Charakter OG Keemo‘s vertraut wird.

 

Nach der anfänglichen Informationsfülle von „Nebel” fühlt es sich an, als müsse man sich erst wieder erholen und sammeln. Aber dafür bleibt keine Zeit, denn mit den nächsten Tracks „Set”, „55” und „Siedlung” übergeht OG Keemo jeglichen Verarbeitungsraum und scheucht seine Höherer*innen mit eindringlichen, perfekt gerappten Hooks, die sich nahezu in den Kopf einbrennen möchten, wie das von in Siedlung:

 Ho, ich bin in der Siedlung, zwölf Stockwerke
Sechs Blocks plus mein Block und kein Cop in Sicht
Digga, ich bin in der Siedlung, zwölf Stockwerke
Sechs Blocks plus mein Block und kein Cop in Sicht

Die Tracks des gesamten Albums bauen aufeinander auf. Sie erzählen von bestimmten Lebensphasen, die er durch subtile Übergänge verbindet, gibt knallharte, nachvollziehbare Emotionen preis - setzt auf Real-Talk und Ehrlichkeit. Es scheint so, als poltere er durch seine Vergangenheit, die einem erbarmungslos offenbart wird.

 

Für die Soundkulisse ist OG Keemo‘s Freund Funkvater Frank verantwortlich. Er verwendet außergewöhnliche und zugleich eingängige Samples – eine perfekte Mischung aus Hip-Hop-Originalen und unverbrauchten Loops. So startet beispielsweise „Set” mit einem außergewöhnlichen Sample eines tiefen Klaviers und wird nach nur wenigen Sekunden durch einen brachialen, fahrigen Beat-Loop übernommen. Eine ähnliche Sound-Triebkraft ist in „Neuner” zu hören: Es schreddert, es schreit, es bebt nur so aggressiv vor sich hin!

 

Man möchte die Platte einfach nicht mehr weglegen und die Faszination an OG Keemos einzigartiger Rheimtechnik will überhaupt nicht vergehen – Glücklicherweise, denn wie wohl die meisten leidenschaftlichen OG Keemo-Hörer*innen, muss ich seit geraumer Zeit auf sein seit April 2020 angekündigtes Album warten, dessen Release seither verschoben wird. Das Warten steigert jedoch umso mehr die Freude auf die kommende Veröffentlichung. Bis dahin wird fleißig die Replay-Taste von Geist gedrückt und die ersten Pre-Releases von seinem Albums Mann beisst Hund wie der vielversprechende Track „Blanko” rotiert.

Geist auf Spotify:

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